From the desk of Max Sonnenschein
Manifest eines Portraits
Ein Portrait braucht ein Gegenüber.
Ein Portrait ist für mich dann ein Portrait, wenn es authentisch und abstrakt zugleich ist. Es liegt an einem sensiblen, fast grenzschwelligen Punkt zwischen Peoplefotografie und Kunst. Die Abstraktion schafft Aufmerksamkeit, die Authentizität erzeugt ein Gefühl von Verbundenheit. Dort entsteht für mich das eigentliche Portrait.
Das Bedürfnis, ein Bild von uns selbst zu hinterlassen, ist tief im Menschen verankert. Seit Jahrhunderten halten wir unser Aussehen fest. Lange war das ein Privileg weniger. Durch technischen und künstlerischen Fortschritt wurde dieser Wunsch nach einem bleibenden Selbstbild für immer mehr Menschen erreichbar, insbesondere durch die Fotografie.
Vom ersten fotografischen Selbstportrait bis zu unserer heutigen Filtergesellschaft liegen weniger als zweihundert Jahre. In dieser kurzen Zeit hat sich unser Verhältnis zum eigenen Bild vollkommen verändert.
Wir produzieren heute eine kaum noch überschaubare Menge an Fotografien. Gleichzeitig verwenden wir ihre Begriffe immer beliebiger. Portrait, Peoplefotografie, Selfie, Kunst, Dokumentation, Content. Alles vermischt sich.
Mit künstlicher Intelligenz kommt nun eine weitere Form des Bildes hinzu, und spätestens hier braucht es eine neue begriffliche Ordnung.
Ein durch künstliche Intelligenz generiertes Bild wird weiterhin häufig als Foto bezeichnet, obwohl für seine Entstehung keine fotografische Situation nötig war.
Da widerspreche ich.
Fotografie braucht ein Gegenüber.
Etwas muss vor einer Kamera existiert haben. Licht muss auf etwas gefallen sein. Ein tatsächlicher Moment muss stattgefunden haben.
Ein generiertes Bild braucht all das nicht. Es kann berühren und täuschend echt aussehen. Seine Herkunft ist trotzdem eine andere.
Deshalb braucht es für künstlich generierte Bilder einen eigenen Begriff. Boris Eldagsen verwendet dafür den Begriff Promptografie. Ich finde ihn treffend.
In anderen Bereichen schützen wir Herkunft längst sprachlich. Champagner beschreibt bekanntlich eine Herkunft. Ohne diese Unterscheidung verliert ein Begriff irgendwann seine Bedeutung. Warum sollte ausgerechnet die Fotografie darauf verzichten?
Gemeint ist dabei künstliche Intelligenz als generierendes Medium. KI als unterstützendes Werkzeug innerhalb eines fotografischen Prozesses ist eine andere Diskussion.
Für das Portrait wiegt diese Unterscheidung noch schwerer. Ein Portrait dokumentiert weit mehr als das äußere Erscheinungsbild eines Menschen. In der ersten Ebene sehen wir das Außen. Darunter liegt etwas, das schwieriger zu beschreiben ist: ein tatsächliches Gegenüber, eine Situation, eine Verbindung zwischen zwei Menschen.
Hier liegt für mich auch der Ursprung dieser Spannung zwischen Abstraktion und Authentizität. Eine Promptografie kann Abstraktion herstellen und Authentizität nachahmen. Bei einem Portrait entsteht beides für mich erst durch die tatsächliche Begegnung.
Die Kamera ist hier nur das Werkzeug. Entscheidend ist, dass zwischen dem Portraitierten und dem Portraitisten tatsächlich etwas stattgefunden hat.
Und an dieser Stelle wird ein Gefühl in Zukunft immer wichtiger werden:
das innere Echtheitszertifikat.
Ein Mensch, der portraitiert wurde, saß diesem anderen Menschen gegenüber und weiß, dass dieser Moment existiert hat.
Das Portrait ist deshalb auch der Nachweis einer tatsächlichen Begegnung.
Selbst wenn künstliche Intelligenz irgendwann ein Bild erzeugt, das alle Eigenschaften eines authentischen Portraits erfüllt und sogar die Wirkung persönlicher Verbundenheit hat, fehlt dem dargestellten Menschen dieses innere Echtheitszertifikat.
Er weiß, dass dieser Moment nie stattgefunden hat.
Irgendwann wird sich genau das wie eine Form des inneren Betrugs anfühlen.
Künstlich erzeugte Bilder übernehmen derzeit in vielen Bereichen einen großen Teil klassischer Bildproduktion. Manche Bereiche der Fotografie werden vorübergehend kleiner oder verschwinden.
Beim wahren Selbstbildnis sehe ich das anders.
Je größer die Menge an Promptografien wird, desto größer wird das Bedürfnis nach einem Portrait, hinter dem eine reale Begegnung steht.
Ich glaube, dass Menschen gerade deshalb wieder bewusster zu einem Portraitisten gehen werden. Sie wollen diesen Moment tatsächlich erlebt haben und neben dem sichtbaren Portrait etwas besitzen, das sich nicht generieren lässt:
das innere Echtheitszertifikat.
Max Sonnenschein
2026